8. Dezember 2025

Von Noemi Kirschbaum
Nachdem wir in Teil 1 die Grundlagen gelegt und die Werte-Ebene betrachtet haben, gehen wir heute ans Eingemachte: Die Rollenverteilung. Wir übersetzen die klassischen Scrum-Rollen auf unser inneres Team und decken auf, warum dein „Innerer Kritiker“ vielleicht eigentlich nur ein überforderter Scrum Master ist. Plus: Konkrete Übungen für dich und dein echtes Team.
Bevor wir jedoch die Rollen im Detail besetzen, lohnt sich ein Blick auf den grundsätzlichen Perspektivwechsel, den diese Synthese ermöglicht. Warum ist es für Scrum Master und Agile Coaches überhaupt relevant, sich mit innerer Pluralität zu befassen?
Die Antwort liegt im besseren Verständnis von Team-Dysfunktionen. Aus Sicht der Agilität schärft das Modell des inneren Teams den Blick dafür, dass jedes Scrum Team aus Menschen besteht, die selbst „vielstimmig“ sind. Product Owner, Scrum Master und die Developer agieren nie als monolithische Rollen, die immer konsistent handeln. Sie agieren vielmehr als Bündel innerer Anteile mit häufig widersprüchlichen Motiven.
Das Modell nach Schulz von Thun bietet uns hier ein differenziertes Vokabular, um diese oft unsichtbaren Spannungen greifbar zu machen. Typische Dysfunktionen in Scrum Teams, wie Perfektionismus, Konfliktvermeidung oder chronische Überlastung, erscheinen in neuem Licht:
Wenn wir diese Dynamiken verstehen, können wir Dysfunktionen präziser adressieren. Nicht als Vorwurf, sondern als Arbeit an der Balance der Anteile.

Mit diesem Verständnis im Hinterkopf wagen wir nun das Gedankenexperiment: Wenn unser Inneres ebenso pluralistisch ist wie ein gut besetztes Scrum Team, wer macht da drin eigentlich was? Scrum definiert klare Verantwortlichkeiten für Product Owner, Scrum Master und Developer.
Schauen wir uns an, wie diese Rollen in unserer Psyche oft (fehl-)besetzt sind und wie wir sie agil coachen können.

In der Scrum-Theorie maximiert der PO den Wert des Produkts und managt das Backlog. In deinem inneren Team ist das oft die Stimme, die sagt: „Ich will das erreichen!“, „Das ist unser Ziel!“ oder „Das ist jetzt Prio 1.“

Das sind die Anteile in dir, die die Arbeit erledigen. Die Kreative, der Strukturierte, der Fleißige.

Jetzt wird es spannend. Wer ist in dir dafür zuständig, dass die Regeln eingehalten werden, dass Hindernisse (Impediments) beseitigt werden und die Qualität stimmt? Hier treffen wir oft auf einen alten Bekannten: Den Inneren Kritiker.
Viele meiner Coachees leiden unter einem harschen inneren Kritiker. „Das ist nicht gut genug“, „Das hast du wieder falsch gemacht“, „Pass auf, gleich blamierst du dich.“
Wenn wir diesen Anteil durch die Scrum-Brille betrachten, ändert sich plötzlich alles.
Ist der Kritiker böse? Nein. Nach Schulz von Thun hat jede Stimme eine positive Absicht.
Was ist die Absicht des Kritikers? Qualitätssicherung und Risikominimierung.
Er verhält sich wie ein Scrum Master, der panische Angst hat, dass das Team die „Definition of Done“ nicht einhält und im Review (in der Öffentlichkeit) zerrissen wird. Er meint es gut, aber er wählt die falschen Mittel. Er schreit das Team an, statt es zu coachen. Er micromanagt, statt zu vertrauen.
Coaching-Tipp: Feuere deinen inneren Kritiker nicht (das geht ohnehin nicht). Gib ihm eine neue Jobbeschreibung!
Sag ihm: „Danke, dass du auf die Qualität achtest. Ich ernenne dich hiermit zum ‚Qualitäts-Beauftragten‘. Aber: Du darfst nur noch konstruktives Feedback geben, wie in einer guten Retro. Kein Shaming mehr, sondern lösungsorientierte Verbesserungsvorschläge.“
Wie versprochen, hier zwei konkrete Formate, die diese Erkenntnisse nutzbar machen – für dich selbst und für dein Scrum Team.
Bevor du dein Team in den Tag begleitest, mach ein 5-Minuten-Daily mit dir selbst.
Wirkung: Du gehst mit einer geklärten inneren Aufstellung in den Tag. Deine Außenwirkung wird prägnanter und authentischer.
Diese Übung hilft Teams, Verständnis für die „nervigen“ Eigenschaften von Kolleg*innen zu entwickeln, indem man sie als überzogene, aber gut gemeinte Rollen interpretiert.
Ablauf: Zeichne ein Spielfeld auf (Miro oder Flipchart) mit den drei Scrum Rollen (PO, SM, Devs) in den Ecken. Bitte das Team, typische Verhaltensmuster aus dem letzten Sprint aufzuschreiben (z.B. „Wir haben uns in Details verloren“, „Jemand hat zu viel Druck gemacht“, „Jemand hat ständig Bedenken geäußert“).
Nun ordnet ihr diese Verhaltensweisen gemeinsam den „Schattenseiten“ der Rollen zu:
Die Frage an das Team: „Welche positive Absicht steckte hinter diesem Verhalten und was braucht dieser Anteil, um wieder konstruktiv zu werden?“
Wirkung: Das Team hört auf, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen („Du bist immer so negativ“), und fängt an, systemisch über die Balance von Beschleunigung (PO), Qualität (SM) und Umsetzung (Dev) zu sprechen.
Die Agilität im Außen scheitert oft an der mangelnden Agilität im Inneren. Wenn wir Scrum nicht nur als Prozessrahmen für Softwareentwicklung, sondern als Strukturierungshilfe für unsere psychischen Prozesse begreifen, gewinnen wir doppelt:
Dein inneres Team ist das erste Team, das du als Scrum Master erfolgreich coachen musst. Wenn dir das gelingt, wird die Arbeit mit deinem externen Team spielerisch leicht.
Wir haben die Werte geklärt und die Rollen besetzt. Im finalen Teil bringen wir Bewegung in die Sache: Wir schauen uns die Scrum Events an. Wie führst du ein „Inneres Planning“, um dich nicht zu verzetteln? Wie nutzt du Methoden der Klärungshilfe, um in Retrospektiven verhärtete Fronten aufzuweichen, indem du die „inneren Teams“ deiner Teilnehmer sprechen lässt? Freu dich auf praktische Anleitungen für das innere Review und systemische Interventionen für deine Dailys.
Hast du Lust bekommen, tiefer in die Psychologie der Teamführung einzusteigen? In unseren Ausbildungen bei der KnOot Academy verknüpfen wir genau diese psychologischen Tiefenbohrungen mit hartem Methodenwissen. Buche gerne ein Beratungsgespräch. Wir freuen uns auf dich und dein inneres Team!
Bleib agil! Im Kopf und im Herzen.

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