Synthese aus Scrum, agilen Prinzipien und dem inneren Team nach Schulz von Thun (Teil 2)

8. Dezember 2025

Von Noemi Kirschbaum

Rubina Kapahnke

Nachdem wir in Teil 1 die Grundlagen gelegt und die Werte-Ebene betrachtet haben, gehen wir heute ans Eingemachte: Die Rollenverteilung. Wir übersetzen die klassischen Scrum-Rollen auf unser inneres Team und decken auf, warum dein „Innerer Kritiker“ vielleicht eigentlich nur ein überforderter Scrum Master ist. Plus: Konkrete Übungen für dich und dein echtes Team.

Die Perspektive der Agilität: Dysfunktionen neu verstehen

Bevor wir jedoch die Rollen im Detail besetzen, lohnt sich ein Blick auf den grundsätzlichen Perspektivwechsel, den diese Synthese ermöglicht. Warum ist es für Scrum Master und Agile Coaches überhaupt relevant, sich mit innerer Pluralität zu befassen?

Die Antwort liegt im besseren Verständnis von Team-Dysfunktionen. Aus Sicht der Agilität schärft das Modell des inneren Teams den Blick dafür, dass jedes Scrum Team aus Menschen besteht, die selbst „vielstimmig“ sind. Product Owner, Scrum Master und die Developer agieren nie als monolithische Rollen, die immer konsistent handeln. Sie agieren vielmehr als Bündel innerer Anteile mit häufig widersprüchlichen Motiven.

Das Modell nach Schulz von Thun bietet uns hier ein differenziertes Vokabular, um diese oft unsichtbaren Spannungen greifbar zu machen. Typische Dysfunktionen in Scrum Teams, wie Perfektionismus, Konfliktvermeidung oder chronische Überlastung, erscheinen in neuem Licht:

  • Perfektionismus ist nicht mehr nur eine individuelle „Macke“, sondern die Übertreibung eines an sich wertvollen inneren Sicherheitsbeauftragten, der Qualität sichern will.
  • Konfliktvermeidung zeigt sich als Dominanz eines inneren Harmoniebedürfnisses, das andere legitime Anliegen (wie Transparenz oder Mut) überstimmt.
  • Chronische Überlastung wird erkennbar als komplexes Ergebnis eines inneren Zusammenspiels von starken Antreibern, versteckten Angstanteilen und fehlender Abgrenzungskompetenz.

Wenn wir diese Dynamiken verstehen, können wir Dysfunktionen präziser adressieren. Nicht als Vorwurf, sondern als Arbeit an der Balance der Anteile.

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Wenn ich mein inneres Team bin, wer hat dann welche Rolle?

Mit diesem Verständnis im Hinterkopf wagen wir nun das Gedankenexperiment: Wenn unser Inneres ebenso pluralistisch ist wie ein gut besetztes Scrum Team, wer macht da drin eigentlich was? Scrum definiert klare Verantwortlichkeiten für Product Owner, Scrum Master und Developer.

Schauen wir uns an, wie diese Rollen in unserer Psyche oft (fehl-)besetzt sind und wie wir sie agil coachen können.

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1. Der Innere Product Owner (PO): Der Visionär vs. der Nimmersatt

In der Scrum-Theorie maximiert der PO den Wert des Produkts und managt das Backlog. In deinem inneren Team ist das oft die Stimme, die sagt: „Ich will das erreichen!“, „Das ist unser Ziel!“ oder „Das ist jetzt Prio 1.“

  • Die Dysfunktion: Oft haben wir einen inneren PO, der das Prinzip „Work in Progress Limit“ (WiP) ignoriert. Er füllt das Backlog unseres Lebens mit tausend Wünschen: Karriere machen, Marathon laufen, perfekt Spanisch lernen, super Elternteil sein. Er priorisiert nicht hart genug, sondern will alles jetzt.
  • Der Agile Fix: Dein innerer PO muss lernen, „Nein“ zu sagen. Ein gesundes inneres Refinement bedeutet, sich ehrlich zu fragen: Welches Bedürfnis bringt mir jetzt den meisten Wert? Was kommt in den nächsten „Lebens-Sprint“ und was bleibt im Backlog?
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2. Die inneren Developer: Die Macher und die Bremser

Das sind die Anteile in dir, die die Arbeit erledigen. Die Kreative, der Strukturierte, der Fleißige.

  • Die Dysfunktion: Oft gibt es hier Konflikte. Der Anteil „Genussmensch“ will ausschlafen, der Anteil „Pflichtbewusstsein“ will um 6 Uhr aufstehen. Wenn die Developer sich nicht einig sind, steht das Inkrement (dein angestrebtes Ergebnis) still.
  • Der Agile Fix: Commitment. Wenn der innere PO das Ziel setzt, müssen die inneren Developer gefragt werden: „Schaffen wir das?“ Wenn der „Müde Anteil“ Veto einlegt, muss verhandelt werden (z.B. „Okay, wir machen Sport, aber nur 20 Minuten statt einer Stunde“). Das ist gelebte Selbstführung.
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3. Der innere Scrum Master: Die Führungskraft im Hintergrund

Jetzt wird es spannend. Wer ist in dir dafür zuständig, dass die Regeln eingehalten werden, dass Hindernisse (Impediments) beseitigt werden und die Qualität stimmt? Hier treffen wir oft auf einen alten Bekannten: Den Inneren Kritiker.

Der innere Kritiker: Ein Scrum Master auf Abwegen?

Viele meiner Coachees leiden unter einem harschen inneren Kritiker. „Das ist nicht gut genug“, „Das hast du wieder falsch gemacht“, „Pass auf, gleich blamierst du dich.“

Wenn wir diesen Anteil durch die Scrum-Brille betrachten, ändert sich plötzlich alles.

Ist der Kritiker böse? Nein. Nach Schulz von Thun hat jede Stimme eine positive Absicht.

Was ist die Absicht des Kritikers? Qualitätssicherung und Risikominimierung.

Er verhält sich wie ein Scrum Master, der panische Angst hat, dass das Team die „Definition of Done“ nicht einhält und im Review (in der Öffentlichkeit) zerrissen wird. Er meint es gut, aber er wählt die falschen Mittel. Er schreit das Team an, statt es zu coachen. Er micromanagt, statt zu vertrauen.

Coaching-Tipp: Feuere deinen inneren Kritiker nicht (das geht ohnehin nicht). Gib ihm eine neue Jobbeschreibung!

Sag ihm: „Danke, dass du auf die Qualität achtest. Ich ernenne dich hiermit zum ‚Qualitäts-Beauftragten‘. Aber: Du darfst nur noch konstruktives Feedback geben, wie in einer guten Retro. Kein Shaming mehr, sondern lösungsorientierte Verbesserungsvorschläge.“

Vom inneren Prozess zur Team-Praxis: Neue Übungen

Wie versprochen, hier zwei konkrete Formate, die diese Erkenntnisse nutzbar machen – für dich selbst und für dein Scrum Team.

Übung 3: Das „Innere Daily Stand-up“ (Für dich als Scrum Master/Coach)

Bevor du dein Team in den Tag begleitest, mach ein 5-Minuten-Daily mit dir selbst.

  1. Was tue ich heute um mein nächstes Ziel zu erreichen? (Welcher Anteil war dominant? War ich im „Driver Seat“ oder wurde ich gefahren?)
  2. Was kann mich dabei unterstützen? (Welche inneren Anteile brauche ich heute besonders? Z.B. „Heute im Review brauche ich die ‚Diplomatin‘ und den ‚Fach-Experten‘. Den ‚Ängstlichen‘ schicke ich in die Pause.“)
  3. Was könnte mich hindern? (Gibt es einen inneren Konflikt/Impediment? Z.B. Angst vor einem Konfliktgespräch.)

Wirkung: Du gehst mit einer geklärten inneren Aufstellung in den Tag. Deine Außenwirkung wird prägnanter und authentischer.

Übung 4: Die „Rollen-Retrospektive“ (Für dein Scrum Team)

Diese Übung hilft Teams, Verständnis für die „nervigen“ Eigenschaften von Kolleg*innen zu entwickeln, indem man sie als überzogene, aber gut gemeinte Rollen interpretiert.

Ablauf: Zeichne ein Spielfeld auf (Miro oder Flipchart) mit den drei Scrum Rollen (PO, SM, Devs) in den Ecken. Bitte das Team, typische Verhaltensmuster aus dem letzten Sprint aufzuschreiben (z.B. „Wir haben uns in Details verloren“, „Jemand hat zu viel Druck gemacht“, „Jemand hat ständig Bedenken geäußert“).

Nun ordnet ihr diese Verhaltensweisen gemeinsam den „Schattenseiten“ der Rollen zu:

  • „Zu viel Druck“ = Ein Innerer PO, der das Team überlastet.
  • „Ständige Bedenken“ = Ein Innerer Scrum Master (Kritiker), der übervorsichtig ist.
  • „In Details verloren“ = Ein Innerer Developer, der sich in „Gold Plating“ verliert.

Die Frage an das Team: „Welche positive Absicht steckte hinter diesem Verhalten und was braucht dieser Anteil, um wieder konstruktiv zu werden?“

Wirkung: Das Team hört auf, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen („Du bist immer so negativ“), und fängt an, systemisch über die Balance von Beschleunigung (PO), Qualität (SM) und Umsetzung (Dev) zu sprechen.

Zusammenfassung

Die Agilität im Außen scheitert oft an der mangelnden Agilität im Inneren. Wenn wir Scrum nicht nur als Prozessrahmen für Softwareentwicklung, sondern als Strukturierungshilfe für unsere psychischen Prozesse begreifen, gewinnen wir doppelt:

  1. Wir werden resilienter und selbstwirksamer (Selbstführung).
  2. Wir entwickeln ein tieferes Verständnis für die Dynamiken in unseren Teams (Empathie).

Dein inneres Team ist das erste Team, das du als Scrum Master erfolgreich coachen musst. Wenn dir das gelingt, wird die Arbeit mit deinem externen Team spielerisch leicht.

Teaser Teil 3:

Wir haben die Werte geklärt und die Rollen besetzt. Im finalen Teil bringen wir Bewegung in die Sache: Wir schauen uns die Scrum Events an. Wie führst du ein „Inneres Planning“, um dich nicht zu verzetteln? Wie nutzt du Methoden der Klärungshilfe, um in Retrospektiven verhärtete Fronten aufzuweichen, indem du die „inneren Teams“ deiner Teilnehmer sprechen lässt? Freu dich auf praktische Anleitungen für das innere Review und systemische Interventionen für deine Dailys.

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