8. Juli 2025

Von Rubina Kapahnke
Wenn ich koche, verwende ich zwar meistens Salz, oft aber auch Pfeffer. Manchmal auch nur Pfeffer. In den meisten Fällen sind beide gemeinsam am besten für mein Vorhaben und sie ergänzen sich wunderbar. Ja, ganz selten habe ich auch eine Diskussion ob jetzt Salz oder Pfeffer besser wäre, besonders wenn es um ein Frühstücksei geht. Und was hat das jetzt mit Scrum und Kanban zu tun?
Es gibt einen starken Unterschied von Salz & Pfeffer zu Scrum & Kanban, und zwar, dass bei ersterem die meisten Personen zustimmen, dass es eher ein Und sein sollte und bei zweiterem immer wieder das Oder benutzt wird. Für alle, die eine effektive Zusammenarbeit und Arbeitsweise anstreben wäre mein Rezept jedoch, verwendet beides. Aber jetzt genug von der Küche, auf zum Thema.
Scrum hat seinen Fokus auf sogenannte komplexe Domänen, also dort, wo Ursache-Wirkung nicht ganz festzustellen ist und es viele Fragezeichen gibt. Die Antwort ist eine empirische Vorgehensweise mit kurzen Feedback-Loops. Im Vordergrund steht die Wertschöpfung, also das Produkt. Man könnte auch vereinfacht sagen, Effektivität ist das höchste Gut.
Kanban hat seinen Fokus losgelöst von der Domäne, sondern konzentriert sich auf den Wertfluss, den sogenannten “Flow”. Vereinfacht gesagt, könnte man hier also Effizienz als das höchste Gut sehen.
Scrum ist ein Framework und wer behauptet Scrum zu machen, der darf jenes so umsetzen wie vorgesehen. Das Framework ist absichtlich unvollständig und jedes Team darf sich überlegen, wie es eigene Problemstellungen angeht. Wichtig ist hier aber, dass das, was vorgegeben ist, eingehalten wird.
Kanban ist kein Framework, es sind Praktiken. Der Vorteil von Praktiken ist, dass ich sie verwenden kann, wenn sie zu meinem Problem passen. Natürlich funktioniert richtiges Kanban (Was ist eigentlich richtiges Kanban?) nicht bzw. es verliert ein bisschen seine Zähne, wenn gewisse Praktiken wie Visualisierung oder das Beschränken der parallelen Arbeit nicht verwendet werden.
Die Einführung von Scrum wird gerne als “revolutionär” bezeichnet. Auch wenn viel Spielraum im Framework vorhanden ist, so gibt es mehr oder weniger klare Regeln und das hat ab Tag 1 starke Auswirkungen auf die Arbeitsweise, das Team und auch auf das Produkt.
Die Einführung von Kanban wird als “evolutionär” bezeichnet, denn im 1. Schritt wird nichts – absolut gar nichts – verändert. Es wird damit gestartet was IST und basierend darauf wird sich weiterentwickelt und potenziell weitere Praktiken verwendet. Auch dies hat normalerweise gleich direkte Auswirkungen, aber jene entstehen meist etwas weicher.
Das ist eine gute Frage, die ich nicht beantworten kann. Tatsächlich hatte ich diese Frage auch einmal, aber seit ich beides sowohl unabhängig voneinander als auch zusammen benutzt habe, nicht mehr, Ich würde vielleicht eher dazu übergehen und sagen, dass die Praktiken von Kanban so gut wie zu jeder Arbeitsweise, Domäne oder Business passen. Auch ohne Messungen wie Durchlaufzeiten, Durchsatz, Alter der Arbeit oder der Verwendungen von Monte-Carlo Simulationen oder Diagrammen wie dem Kumulative Fluss Diagramm (CFD) haben die ersten Praktiken bereits sehr positive Auswirkungen auf alle Teams. Zieht euch die Praktiken, die ihr braucht und beobachtet, was passiert.
Scrum, da würde ich behaupten, es passt nicht auf jede Problemstellung. Ich brauche einfach eine gewisse Komplexität in der Aufgabe, damit die empirischen Feedbackschleifen auch Sinn machen und ich durch die Events auch profitiere. Ja, Scrum eignet sich auch wunderbar für Nicht-Entwicklungsteams und tritt in immer mehr Branchen ein. Dennoch braucht es so etwas wie ein Produkt – was auch gerne eine Dienstleistung sein kann – damit es so richtig Sinn macht.
Wir könnten uns jetzt aber, wenn wir wirklich agil sein wollen, nicht auf ein Framework oder einzelne Praktiken beschränken, sondern einfach die Arbeitsweise wählen, die auf unser Problem passt. Nein, das ist kein Aufruf zu sagen “Scrum funktioniert bei uns nicht” und ich empfehle jeder Person erst einmal Scrum wie vorgesehen zu verwenden. Eine Anpassung im Framework kann sich stark auf alle anderen Elemte auswirken. Wozu ich aber einen Aufruf starten möchte, ist, nutzt das, was sinnvoll ist. Vielleicht wollt ihr kein Scrum verwenden oder es passt einfach nicht, top. Aber ihr könnt die Muster, die ihr braucht, auch einfach übernehmen – sie wie Praktiken behandeln. Alle 2 Wochen eine Retrospektive? Super! Obwohl keine Sprints verwendet werden, dennoch alle 2 Wochen die Aufgabenliste sortieren oder verfeinern? Klasse! Sprint Ziele machen keinen Sinn? Ok! Sich „once in a while“ mit Stakeholdern hinzusetzen und die Ergebnisse anzuschauen ist wertvoll? Dann macht es und nennt es gerne anders.
Sowohl die Scrum als auch die Kanban Community hat bereits damit aufgeräumt und ist zusammengerückt. Im Januar 2021 wurde der Kanban Guide form Scrum Teams von Scrum.org veröffentlicht. Ziel des Vorhabens ist es, die Scrum Events bzw. das Scrum Framework als Ganzes zu bereichern. Scrum bleibt, wie es ist. Folgt man dem Guide, sind 4 Praktiken zwingend erforderlich, um “Professional Scrum with Kanban” anzuwenden.
Auch hier empfiehlt sich, es Ganzheitlich auszuprobieren aber dennoch den evolutionären Ansatz zu verfolgen. Schritt-für-Schritt. Ihr müsst jedoch den Guide nicht komplett Umsetzen, um euer Scrum zu bereichern. Zieht euch die Praktiken, die ihr braucht.
Mir sagte mal jemand “Es ist besser 10 Meter in die richtige Richtung zu laufen, anstatt 100 Meter in die Falsche”. Stimmt! Es ist jedoch noch besser 80 Meter in die richtige Richtung zu laufen, anstatt 10. Effektivität und Effizienz schließen sich nicht aus. Und genau darum geht es bei der Verbindung von Framework und Praktiken. Den Fluss von Wert zu bereichern, zu optimieren. Sinnvolle und wertvolle Arbeit im Flow zu halten.
Wie Salz und Pfeffer, so können beide zusammen ein wundervolles Ergebnis bringen. Benutzt das Scrum Framework weiterhin und verwendet die Kanban Praktiken, um jenes noch besser zu machen. Verwendet das Beste aus beiden Ansätzen, um einen ganzheitlichen Blick zu erhalten.
Versucht Scrum genauso umzusetzen, wie es gedacht ist und vielleicht auch die 4 vorgesehenen Praktiken aus dem Guide. Macht es aber nicht von 0 auf 100, sondern lasst euch Zeit, dass sich das Team entwickeln kann. Ich bin seit mehr als 10 Jahren in diesen Domänen unterwegs und habe noch immer nicht ausgelernt. Alles entwickelt sich stetig weiter und das, was heute vielleicht nicht sinnvoll ist, kann es morgen sein. Genauso kann das, was heute sinnvoll ist, morgen schon nicht mehr sinnvoll sein.
Technische Perspektive: Durch all die technologischen Entwicklungen wie z.B. das aufteilen von Software in kleine Bereiche (Microservices) und immer weiter verbreiteten Praktiken, die das kontinuierliche zur Verfügung stellen von Software und Updates ermöglichen (Continous Delivery), können Teams mittlerweile schneller Wert schaffen als damals. Änderungen in z.B. Software kann wöchentlich oder auch mehrfach täglich ausgeliefert werden. Scrum Teams veröffentlichen Software gegeben falls mehrfach im Sprint. Die sogenannte rote Welt (individuellen Fähigkeiten, Kreativität und Können) verschwimmt mehr und mehr mit der blauen Welt (Effizienz, Skalierung und Zahlen). Geschwindigkeit ist wieder genauso wichtig geworden, wie wertvolle Arbeit. Die Antwort auf immer mehr Komplexität sind immer kleinere Schritte und Feedbackschleifen.
Nicht nur die Praxis verwendet Scrum und Kanban in Kombination, auch die Weiterbildungsbranche hat sich den Bedürfnissen angepasst. Neben den klassischen Scrum oder Kanban Kursen, gibt es jetzt auch kombinierte Angebote, welche das Framework und die Praktiken nicht unabhängig von einander betrachten, sondern im Zusammenspiel. Die Zertifizierung Professional Scrum with Kanban (PSK) von scrum.org ist ein gutes Beispiel dafür. Auch wir haben reagiert und uns überlegt, was die Grundlagen für modernes agiles Projektmanagement sind und kamen zu dem Entschluss → Beides ist notwendig.
Unser erstes Modul Agile Fundamentals spiegelt das in der Kombination von Scrum, Kanban & Skalierung entsprechend wieder.
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