10. August 2026

Von Noemi Kirschbaum
Als ich vor Jahren einmal mit einer Gruppe Jugendlicher in den Pfingstferien ein neues Produkt entwickeln sollte um sie für Ausbildung oder gleich Gründung fit zu machen habe ich eine Methode kennen gelernt die ich seitdem immer und immer wieder anwende: 5 Whys. Mit der Methode kamen wir von ihrem allmorgendlichen Problem (Ich verpasse den Bus zur Schule) hin zur Lösung (Ich brauche einen anpassbaren Rucksack, mit dem ich schnell alles zusammen habe, was ich für den Tag brauche, ohne dass mir ständig beim gehen etwas gegen die Beine schlägt).
Denn Ideen und Lösungen sind im ersten Moment nur sehr oberflächlich. Wir merken, dass uns etwas stört (das wir den Bus morgens verpassen) und stürzen uns auf die erstbeste Idee oder Lösung von der wir denken, dass sie uns hilft (Wecker früher stellen). Wenn wir uns tiefer mit einem Problem beschäftigen, in dem wir nach dem “Warum” forschen, bekommen unsere Ideen eine ganz neue Dimension.
Gute Produktideen entstehen sehr unspektakulär. Irgendetwas im Alltag funktioniert umständlicher, langsamer oder nerviger, als es eigentlich müsste. Man kopiert Informationen von einem System ins nächste, sucht jeden Morgen dieselben Dinge zusammen oder erledigt eine Aufgabe immer wieder von Hand, obwohl der Ablauf längst bekannt ist.
Im Alltag arrangieren wir uns erstaunlich schnell mit umständlichen Abläufen. Wir bauen Workarounds, merken uns kleine Tricks oder nehmen zusätzlichen Aufwand einfach hin. Erst wenn man sich die Mühe macht, das Problem genauer anzusehen, wird sichtbar, wo die eigentliche Reibung entsteht.
Bei dem Beispiel mit dem verpassten Bus lag die erste Lösung auf der Hand: früher aufstehen. Nach ein paar Warum-Fragen wurde aber klar, dass der Morgen vor allem deshalb chaotisch war, weil die Sachen für den Tag nicht schnell genug zusammenkamen und der vorhandene Rucksack unpraktisch war: es gab nicht genügend funktionale Fächer für die Bedürfnisse der Fäche. Zum Beispiel eine Sporttasche, die immer extra dran gefriemelt werden musste.
Aus einem scheinbar kleinen Alltagsproblem wurde so eine ganz andere Produktidee.
Und das ist ein guter Ausgangspunkt für digitale Produkte: welches Problem beschäftigt mich so regelmäßig, dass sich eine bessere Lösung wirklich lohnen würde.
Nicht jedes Ärgernis braucht ein eigenes Produkt. Manchmal ist etwas einfach nur lästig und lässt sich mit einem kleinen Trick lösen. Spannend wird ein Problem dann, wenn es immer wieder auftaucht, spürbar Zeit oder Energie kostet und andere Menschen sich ebenfalls daran stören. Also: hohe individuelle Kosten die regelmäßig bei mehreren Menschen aufkommen.
Es hilft, das Problem erst einmal nüchtern anzusehen. Wie oft begegnet es dir? Wie sehr beeinflusst es deinen Alltag oder deine Arbeit? Gibt es bereits Lösungen und wenn ja: Warum reichen sie dir nicht aus?
Auch die Frage, ob andere Menschen das Problem kennen, ist wichtig. Eine persönliche Frustration kann ein guter Ausgangspunkt sein. Für eine Produktidee wird sie interessanter, wenn mehrere Menschen ähnliche Erfahrungen machen und bereit wären, ihr Verhalten für eine bessere Lösung zu verändern.
Der Unterschied liegt oft zwischen „Das wäre angenehmer“ und „Dafür würde ich wirklich eine Lösung nutzen“. Oder auch: dafür würde ich Geld bezahlen.
Bevor du also anfängst, Funktionen zu sammeln oder dir ein ganzes Produkt auszumalen, lohnt es sich, das Problem selbst noch etwas genauer zu verstehen.
Die eigene Erfahrung ist ein guter Anfang. Es lohnt sich herauszufinden, wie andere Menschen mit demselben Problem umgehen.
Dafür musst du keine große Marktstudie starten. Oft reicht es schon, mit Kolleg:innen, Freund:innen oder Menschen aus der möglichen Zielgruppe zu sprechen. Auch Bewertungen bestehender Tools oder Diskussionen in Communities können viel darüber verraten, wo andere regelmäßig hängen bleiben.
Interessant ist vor allem, wie das Problem heute gelöst wird. Welche Umwege nehmen Menschen in Kauf? Welche Hilfsmittel nutzen sie? Was daran kostet Zeit, Nerven oder zusätzliche Arbeit? Worauf wurde vielleicht noch gar keine Lösung gefunden?
Dabei hilft es, die eigene Idee noch ein Stück weit zurückzuhalten. Wer zu früh mit einer fertigen Lösung in Gespräche geht, hört schnell nur noch Reaktionen auf den eigenen Vorschlag. Wertvoller ist es zunächst zu verstehen, wie das Problem im Alltag anderer Menschen wirklich aussieht. Das hilft auch sich nicht mit der ersten Lösung zufrieden zu geben. Je mehr du das Problem verstehst, desto besser kann die Lösung werden.
So entsteht nach und nach ein klareres Bild davon, ob dein Ärgernis nur dein persönlicher Sonderfall ist oder ob darin tatsächlich Potenzial für ein digitales Produkt steckt.
Wenn du das Problem besser verstanden hast, kannst du anfangen, daraus ein klareres Vorhaben zu machen. Ein guter erster Schritt ist, das Problem in einem Satz zu formulieren. So merkst du schnell, ob du wirklich den Kern getroffen hast oder noch mehrere Themen miteinander vermischst.
Eine gute Methode um zu sehen, ob du den Kern schon erfasst hast ist die 5Why Methode. Wenn du ein Problem formuliert hast, stelle dir die Frage: Warum ist das ein Problem? Formuliere eine Antwort. Und dann frage dich wieder: warum ist das so? Nachdem du die Antwort formuliert hast fragst du wieder: warum?
Im Schnitt braucht es fünf mal die Frage nach dem Warum um ein Problem wirklich in der Tiefe formuliert zu haben. Du merkst, wenn du auf ein “Warum” keine Antwort mehr findest, dass du am Ziel bist.
Danach wird die Lösung konkreter formuliert. Für wen soll sie gedacht sein? In welcher Situation soll sie helfen? Und welches Ergebnis soll die Person mit ihrer Hilfe erreichen?
Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Workshop-Feedback liegt nach einer Veranstaltung an mehreren Orten. Ein Teil steht auf Moderationskarten, einiges kommt per Mail, anderes im Chat. Die Nachbereitung wird unnötig aufwendig.
Aus diesem Problem könnte die Idee für ein kleines Tool entstehen, das Feedback sammelt, sortiert und für die weitere Arbeit aufbereitet.
Damit bekommt das ursprüngliche Ärgernis eine klare Richtung. Aus „Das nervt mich jedes Mal“ wird ein Vorhaben, mit dem man weiterarbeiten kann.
Die Produktentwicklung bis zu diesem Punkt noch einmal zusammen gefasst:
Sobald die Produktidee etwas klarer wird, füllt sich der Kopf schnell mit Funktionen. Nutzerkonto, Export, Benachrichtigungen, Schnittstellen, Auswertungen : entsteht aus einer einfachen Idee entsteht schnell ein ziemlich großes Projekt.
Für den Anfang hilft es, sich auf die eine Funktion zu konzentrieren, die das ursprüngliche Problem wirklich kleiner macht.
Beim Beispiel mit dem Workshop-Feedback könnte das zuerst bedeuten, Rückmeldungen an einem Ort zu sammeln und übersichtlich aufzubereiten. Damit wäre der größte Schmerz schon einmal bearbeitet.
Alles Weitere kann später dazukommen. Nutzerkonten, automatische Auswertungen oder Exporte sind erst dann interessant, wenn die Kernfunktion tatsächlich gebraucht wird.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Was muss mein Produkt können, damit das Problem spürbar leichter wird?
Je klarer diese Antwort ist, desto einfacher wird es später auch, einen ersten Prototyp zu bauen und sinnvoll zu testen.
Ziemlich klein am Anfang! Eine erste Lösung muss noch kein vollständiges Produkt sein. Sie soll dir vor allem zeigen, ob deine Idee in die richtige Richtung geht und ob Menschen mit ihr etwas anfangen können.
Für unser Workshop-Feedback-Beispiel könnte das anfangs schon ein einfaches Formular sein, das Rückmeldungen sammelt und anschließend übersichtlich darstellt. Dafür braucht es noch keine Nutzerkonten, keine ausgefeilte Automatisierung und keine perfekte Oberfläche.
Auch eine einfache Website, ein kleiner Workflow, ein Dashboard oder eine Mini-Web-App können für einen ersten Test völlig ausreichen. Entscheidend ist, dass du etwas Sichtbares und Nutzbares in der Hand hast.
So kannst du früh beobachten, was funktioniert, wo Fragen auftauchen und welche Annahmen sich bestätigen oder verändern.
Die erste Version soll dir also vor allem helfen, etwas herauszufinden.
Typische Fragen:
Hilfreich ist es in dieser Phase bereits konkretes Feedback von deiner Nutzergruppe einzuholen. Lass einige Menschen ausprobieren und notiere deine Beobachtungen. Du darfst hier erstmal Erkenntnisse sammeln, bevor der nächste größere Entwicklungsschritt getan wird.
Bis hierhin war vor allem eines wichtig: das Problem wirklich zu verstehen. Denn erst wenn klar ist, was verbessert werden soll, lohnt sich der Blick auf die Umsetzung.
Und hier kann KI enorm helfen.
Bei der Recherche kann KI bereits hilfreich sein. Wenn du ein Problem identifiziert hast, kannst du dir zum Beispiel bestehende Lösungsansätze zusammentragen, Unterschiede zwischen Angeboten strukturieren oder typische Schwächen vorhandener Tools herausarbeiten lassen. So bekommst du schneller ein Gefühl dafür, was es schon gibt und wo noch Lücken sein könnten.
Ähnlich funktioniert es bei der Zielgruppen- und Marktrecherche. KI kann dir helfen, mögliche Nutzergruppen zu beschreiben, relevante Fragen für Interviews zu formulieren oder erste Hypothesen über Bedürfnisse und Nutzungssituationen zu entwickeln.
Wichtig ist dabei: KI ersetzt keine echten Gespräche mit Nutzer:innen und auch keine belastbare Marktanalyse. Sie hilft dir aber, schneller Struktur in deine Recherche zu bringen und bessere Fragen zu stellen.
Gerade am Anfang kann das viel Zeit sparen. Aus einem diffusen „Ich glaube, da gibt es ein Problem“ wird so Schritt für Schritt ein klareres Bild davon, für wen du etwas bauen möchtest, welche Lösungen bereits existieren und was dein eigener Ansatz leisten könnte.
Dann lässt sich aus einer ersten Idee viel schneller etwas Greifbares machen als noch vor wenigen Jahren. Du kannst dir dabei helfen lassen, eine Produktbeschreibung zu strukturieren, Funktionen klarer zu formulieren oder erste Entwürfe für eine Benutzeroberfläche zu entwickeln. Aus diesen Beschreibungen können wiederum erste Websites, kleine Web-Apps oder Prototypen entstehen.
Beim Vibe Coding beschreibst du in natürlicher Sprache, was du bauen oder verändern möchtest. Die KI unterstützt dich bei der technischen Umsetzung und erzeugt Code, den du direkt ausprobieren und weiterentwickeln kannst. Das macht den Einstieg besonders für Menschen spannend, die bisher keine klassische Programmiererfahrung haben.
Der große Vorteil liegt darin, dass die technische Hürde kleiner wird. Du musst nicht erst monatelang eine Programmiersprache lernen, bevor du eine Idee sichtbar machen kannst. Ein erster Prototyp kann deutlich früher entstehen und dir zeigen, wie sich dein Konzept tatsächlich anfühlt.
Trotzdem bleibt deine Rolle zentral. Du entscheidest, welches Problem du lösen willst, welche Funktion wichtig ist und ob das Ergebnis überhaupt zu deinem Vorhaben passt. KI kann dir viele Schritte erleichtern, aber sie kennt weder deine Zielgruppe noch deine Absicht automatisch.
Gerade deshalb wird Vibe Coding besonders spannend, sobald dein Problem klarer geworden ist. Dann kannst du die KI gezielter einsetzen und aus einer ersten Idee Schritt für Schritt etwas bauen, das sich wirklich testen lässt.
In unserem Kurs „Softwareentwicklung mit Vibe Coding & Agentic AI“ setzen wir genau dort an: bei der praktischen Umsetzung. Auch absolute Beginner können mit einer eigenen Idee starten und lernen, wie sie mit KI aus ersten Beschreibungen greifbare digitale Ergebnisse entwickeln.
Für eine erste digitale Produktidee brauchst du noch keinen ausgearbeiteten Businessplan und kein fertiges Konzept. Am Anfang reicht es, das Problem so klar zu beschreiben, dass du damit weiterarbeiten kannst.
Schreib auf, was dich stört und wer dieses Problem noch haben könnte. Überlege dann, welche eine Funktion das Problem spürbar kleiner machen würde. Daraus lässt sich ein erster, sehr kleiner Test entwickeln. Anschließend holst du dir Feedback und schaust, was du daraus lernen kannst.
KI kann dich auf diesem Weg an vielen Stellen unterstützen: bei der Recherche, beim Strukturieren deiner Gedanken, beim Formulieren erster Anforderungen und später auch beim Bau eines Prototyps.
So wird aus einem Ärgernis langsam eine Idee, aus der Idee ein erster Test und aus dem Test neues Wissen.
Welches Problem nervt dich regelmäßig so sehr, dass du schon einmal gedacht hast: Dafür müsste es doch eine bessere Lösung geben?

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